Mit dem Pedelec auf dem Jakobsweg (4) – Spirituelle Erfahrungen

Mit diesem vierten Teil endet der Reisebericht „mit dem Pedelec auf dem Jakobsweg“. Wir hatten viel Freude beim Lesen und hoffen, Ihnen ging es genauso.

Da das Beste immer zum Schluss kommt, haben wir es auch hier so gehalten, so dass der wohl wichtigste Part des Jakobsweges – die spirituellen Erfahrungen – den Abschluss bilden. Denn schließlich ist genau das der Zweck einer solchen Reise.

Alle Teile des Reiseberichts finden Sie wie üblich hier.

Spirituelle Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Die spirituellen Erfahrungen auf dem „camino“ sind eindrücklich.

Die wichtigste Erfahrung war für mich, dass es immer wieder unverhofft eine Problemlösung gibt.

Jedes Mal, wenn ich das Gefühl hatte, Paul, jetzt bist du am Ende oder in der Prärie verloren, dann ging wieder ein Türchen auf. Ein gelber Pfeil auf der Strassengabelung, oder eine Jakobsmuschel auf einem Stein mitten im Niemandsland, welche mir den Weg wies.

Oder ein Mensch auf der Strasse, welcher wusste, wo es im Pueblo noch ein Zimmer oder einen Laden gibt. Ein Brunnen mit kühlem Wasser an der Straße, genau dann, wenn man das Gefühl hat, verdursten zu müssen.

Eine Bäuerin, welche in der Sierra anhält und mich im Van mitnimmt, weil ich eine Panne aber kein Flickmaterial mehr hatte und weit und breit kein Haus zu sehen war.

Ganz toll war ein uraltes Fraueli, welche hörte, dass ein junger Spanier mich zum 20 Kilometer entfernten Velomechaniker weiterschicken wollte. Sie intervenierte. „No, no Senor, el mecanico es in este calle, cien metros de aqui“ So war es!

Ich habe auch die Anwesenheit von Kleinlebewesen als schützenswerten Teil der Schöpfung wahrgenommen. Ich habe bewusst geschaut, dass ich keine Raupen, Käfer, Schnecken etc. überfahren habe.

Ich hatte das Gefühl, dass mich auch Vögel freudig begleiten und für mich singen. Der Gesang der Vögel in der freien Natur war wunderschön. Aber auch viele schöne Schmetterlinge haben min Auge erfreut.

Der überwältigende Duft von Millionen von Blumen entlang der Straßen, die fast endlosen gelben Getreidefelder mit irrsinnig schönen purpurroten Mohnfeldern.

Die endlosen Weiten. Wuchtige, farbige Felsen entlang dem Lot und im Massiv Central. Grüne Hochebenen mit riesigen Viehherden. Regenschauer, Nebel, stahlblauer Himmel, brennende Sonne, weite Horizonte – herrlich!

Ich habe dutzende von Kapellen, Kirchen und Kathedralen besucht und war immer wieder von der Architektur, dem handwerklichen Können und der Leistung der damaligen Bauleute, Handwerker und Künstler begeistert.

Die Stille und die Ausstrahlung der Gotteshäuser als Orte der Kraft konnte auch ich als Nicht-Katholik positiv verspüren.

Der Jakobsweg war für mich vor allem in Frankreich und Spanien in jeder Beziehung unbeschreiblich eindrücklich. Der Weg ist super gut beschildert, organisiert und respektiert.

Kein Pilger muss Bedenken haben, dass er abends nicht unterkommt, Hunger oder Durst erleiden muss. Es gibt keinen Pilger, welcher keinen Platz in einem Refugio findet und das auch, wenn das pueblo noch so klein ist. Ausnahmen sind Pilger die campieren und bewusst draussen schlafen wollen.

Die abendliche Verpflegung war wie der Appetit – sehr gut. Meistens habe ich tagsüber viel Fruchtsaft getrunken und nur einige Getreide- oder Müesli-Riegel gegessen. Warmes Essen gab es nur abends meist erst ab acht Uhr. Ich habe sehr oft das „menu del peregrino“ gegessen. Dieses war reichhaltig, gut gekocht und eine ganze Flasche Hauswein war meistens im Preis von ca. 10-12 Euro inbegriffen.

Auch die Gesellschaft am Pilgertisch mit sehr angenehmen Menschen aus bis zu 12 Ländern der Welt war bereichernd und interessant. Die Betreiber von Herbergen, Hotels und Pensionen am Jakobsweg waren durchwegs sehr nette, hilfsbereite und sehr oft selbstlose Leute.

Einzig am Jakobsweg in der Schweiz hapert es bedenklich: am schlechtesten beschildert, die schlechtesten und viel zu teuren Zimmer waren in Genf und Rapperswil CHF 145.00 und 135.00 / E.Z.

Und noch was: Es gibt auf dem ganzen Pilgerweg keine, wirklich keine schlechte Matratzen! Man ist jeweils nach täglich 7-10 h. Radreise derart todmüde von allen Eindrücken, dass man wohl auch auf einem Laubsack herrlich schlafen würde.

Meine Empfehlung an Jakobspilger-Aspiranten

Menschen, welche gut zu Fuss sind und ca. 30-40 Kilometer täglich gehen können, erleben noch mehr als der Radpilger. Mit dem Fahrrad und Gepäck kann man nicht alle Originalrouten, welche seit Jahrhunderten zu Fuss begangen wurden, fahren. Außer man nimmt in Kauf, das Rad mühsam zu schieben.

Zu Fuß sieht man noch mehr kleine Weiler, man nimmt die Natur noch bewusster auf, ist öfter abseits der Nationalstrassen. (Allerdings führen große Strecken der Pilgerwege in Spanien trostlos den Nationalstrassen entlang, weshalb viele Pilger ab Pamplona auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen)

An steilen Pässen ist der Fußpilger fast so schnell wie der Radpilger, weil der Fußpilger Abkürzungen geht und der Radpilger auf unter 10 km/h Geschwindigkeit fällt.

Der Radpilger macht täglich etwa zwei Tagesetappen eines Fußpilgers. Dass es nicht mehr ist hat auch damit zu tun, dass die Aufenthaltsdauer bei den Sehenswürdigkeiten zu Fuß oder per Rad in etwa gleich ist: 2-4 h/Tag.

Nur auf den Nationalstrassen Kilometer zu bolzen hat nix mit einer Pilgerreise zu tun. Man verpasst viele Sehenswürdigkeiten. Ich habe an keinem einzigen Tag gesagt: „heute muss ich bis x fahren“ und habe auch nie gefahrene Kilometer notiert.

Ich bin in der Frühe losgefahren, habe alles Schöne in Ruhe angeschaut, mal einen Schwatz mit Einheimischen gehalten, eingekauft und täglich ab etwa 16.00 Uhr eine Unterkunft in einer Privatpension oder einem Hotel angesteuert.

Billige Massenunterkünfte überließ ich den Jungen – ist nicht mehr mein Ding. Ungestörter Schlaf ist mir wichtig.

Mein tägliches abendliches Ritual war: Pedelec sicher parken (oft auch im Zimmer), Packtaschen hochtragen, duschen, frisch anziehen, Tageswäsche waschen und aufhängen. Natel (schweizerisch für Mobiltelefon), Fotoapparat und Akku laden.

Dann Karte studieren und die schönste, fahrbare morgige Tagesroute detailliert herausschreiben und mit Einheimischen besprechen. Städtchen erkunden, Apéro in einer Bar und das Abendessen meistens erst ab 20.00 h.

Angenehmer Nebeneffekt des täglichen radelns: Ich habe 10 Kilos abgenommen und hatte eine so gute Verdauung, wie seit Jahren nicht mehr.

Ich habe einige fitte Senioren kennengelernt, welche schon mehrmals die gleichen oder verschiedene Jakobswege gegangen oder gefahren sind. So auch John, der 72-jährige irische Mathematikprofessor aus Dublin welcher „by bike to Dover and than by ferry to France“ pilgerte.

John schwörte stolz auf seinen britischen Drahtesel mit gemufftem Reynolds Stahlrahmen, Rennlenker, Unterrohr-Schalthebel, 26“ Räder mit Spezialverspeichung und speziell abgestuftem Schaltwerk.

Abends kam er meistens zwei Stunden nach mir an, weil er morgens noch am Frühstück saß, während ich schon radelte. „John, how was it“? „Paul, it was magnificient, let’s have a beer and talk about“.

Auch das sportliche belgische Rentnerpaar mit Campingausrüstung auf dem Koga-Miyata Tandem beeindruckte mich.

Als mein Tacho 2.200 Kilometer anzeigte, hatten beide schon 4.500 km. hinter sich und haben im Gegensatz zu mir fast auschließlich im mitgeschlepptem Zelt geschlafen! Das soll mal ein Junger in einer solchen Regenperiode nachmachen!

Das pilgern auf den Jakobswegen macht süchtig, nicht nur John – „buen camino“!!

 

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