Mit dem Pedelec auf dem Jakobsweg (2) – Erfahrungen mit dem KTM Pedelec

Neben der spirituellen Erfahrung bringt ein Pedelec natürlich auch die technische Seite mit sich. Wie hat sich das KTM Pedelec auf dem Jakobsweg gemacht? Wo lief alles reibungslos und womit gab es Probleme?

Alle weiteren bisher erschienenen Teile des Reiseberichts finden Sie wie üblich hier.

Erfahrungen mit dem neuen KTM e-race Pedelec:

Positive Erfahrungen:

Absolut hervorragend ist das BionX Antriebssystem und hat mit einer winzigen Ausnahme haargenau das gemacht, was ich haben wollte.

In Frankreich geht es über hunderte von Kilometern wie über ein riesiges Waschbrett. das bedeutet einständiges rauf und runter, fast nie ebenerdig. Man ist konstant am hoch- und runterschalten.

Als sportlicher Radfahrer habe ich ausschließlich nur aufwärts meistens die Unterstützungsstufen 1 und 2 in Anspruch genommen.

Abwärts habe ich die Motorbremse je nach Gefälle auf Stufe 2-4 gestellt und je nach Geschwindigkeit mitgetreten. Auf diese Art konnte ich den Ladezustand des Akkus fast konstant halten, bin beim mittreten immer schön warm geblieben und musste praktisch nie die Handbremsen betätigen.

Somit konnte ich downhill die Energie produzieren, welche ich für meinen „Packesel“ als Unterstützung uphill benötigte. Meist kam ich nach ca. 5-6 h. reiner Fahrzeit mit 80-120 Kilometer Tagsleistung mit einer Batterie-Restladung von über 50% in’s Hotel.

Angenehmer Nebeneffekt: die Scheibenbremsen werden kaum gebraucht, da auch bei Betätigung der Handbremsen zuerst die Motorbremse wirkungsvoll einsetzt.

Es ist ein herrliches Gefühl, bergab zu fahren, ohne bremsen zu müssen. Man muss jedoch die Topografie etwas beachten.

Einmal fuhr ich eine unendlich lange Strecke mit der Motorbremse abwärts, der Akku wurde über 100% geladen. In solchen Fällen setzt die Motorbremse logischerweise aus und die Scheibenbremsen kommen zwangsweise zum Zuge.

Bei gutem Studium der Topografie hätte ich aufwärts mehr Schub geben, mich entlasten und mehr Batterieladung verbrauchen können.

Die genannte winzige Ausnahme:

Wenn man am O’Breiro Pass den 43 kg. Packesel einen Bachbett-Weg über zentnerschwere Steine hochschieben, respektive heben muss, der Akku-Ladezustand 60% beträgt, aber keine Schiebehilfe vorhanden ist, dann kommt selbst ein friedlicher Pilger in’s fluchen.

KTM/BionX: unbedingt Schiebehilfe nachrüsten!!!!

Erkenntnis:

Die Bion-X Rekuperation ist extrem effizient. Richtigerweise müsste jedes Strassenfahrzeug mit einer Bremsenergie Rückgewinnung ausgerüstet sein!!

KTM Pedelec -Stabilität:

Der KTM Alurahmen ist o.k. Keinerlei Schwächen erkannt, selbst bei massivster Zuladung.

Ich hatte keinen Speichenbruch, obschon ich auch miserable Holperwege fuhr.

Der Tubus Gepäckträger war superstabil, kein wanken, absolut perfekt.

Der Lowrider wurde schon vor der Reise an der Federgabel mit einer Eigenkonstruktion und stabileren Schellen versehen, was auch gut war, denn bei über drei Kilogramm Gewicht pro Fronttasche verlangt das Lenken volle Konzentration.

Komfort:

Der schmale KTM Originalsattel war für mich auf Anhieb perfekt. Keinerlei Sitzbeschwerden und kein Gramm Salbe verschmiert.

Das tiefe Oberrohr erleichtert das abstehen und das sichere Gleichgewicht halten bei Stopps.

Die Federgabel wurde zu 95% blockiert gefahren, war somit für mich eigentlich überflüssig.

Die Reifen wurden auf 4.0 bar gepumpt. So wurde der Rollwiderstand reduziert und das Gewicht stellte kein Problem dar. Wenn es dadurch aber stärker rumpelte, wurde ich allerdings nervös (Plattfuss?).

Negative Erfahrungen:

Bereifung & Schlauchmaterial:

Die Bereifung mit dem Schwalbe Racing Ralph war für meinen Zweck und meine Gewichte nicht tauglich. Ich hatte von Anfang an täglich Druckverluste, zudem hinten zwei mal und vorne vier mal einen Platten.

Ich nehme dies auf mich, da ich die zu dünne Originalbereifung ohne Pannenschutz schon beim Kauf erkannte, aber nicht auf eine Umbereifung zum Beispiel auf Schwalbe Marathon Plus insistierte.

Hinten ist nach einem Schlauchwechsel der Radeinbau nicht einfach – es gibt einen Moment, wo man gleichzeitig 6 Hände haben sollte: Fahrrad anheben – Rad mit Kette einfädeln – Kabel zu Motor verletzungsfrei durch Öse einfädeln.

Aber Pilger helfen einander – so erging es Gott sei Dank auch mir, mitten in den Pampas draussen.

Schlauchmaterial:

Leider musste ich die Feststellung machen, dass es sehr schwierig ist, pannensicheres Reifen- und Schlauchmaterial zu erhalten. Die Pneus wurden die letzten Jahre nicht nur viel leichter, sondern neben den Stollen auch hauchdünn.

Auch Reifen mit Kevlar Durchstichschutz sind unterwegs kaum noch erhältlich. Von sechs Platten war nur einer mit einem eindeutigen Einstich von einem Keramiksplitter erkennbar.

Fünf Schläuche waren oder wurden am Ventil undicht. Neues Schlauchmaterial verlor einfach kontinuierlich Luft ohne jeglichen Einstich.

Ich wünschte mir die Zeit zurück, wo Schläuche von guter Qualität erhältlich waren, welche zwar das Doppelte kosteten, dafür die Lebensdauer aber locker das Zehnfache war!

Viel zuspät erkannte ich, dass die Ventilbohrung in der Felge einen messerscharfen Brauen aufwies und mir laufend die Ventilschläuche killte. Pfusch bei der Montage seitens KTM!

Auch mein spanischer Radpilger-Kollege hatte in Finisterre das gleiche, ärgerliche Problem: neuen Schlauch eingebaut mit umgehendem Luftverlust.

Am Hinterrad wurde von Marc Maya in Saint Jean Pied de Port ein Kenda Reifen, ein Continental Schlauch und ein Kunststoff-Schlauchschutzband zwischen Reifeninnenfläche und Schlauch montiert. Diese Kombination hielt Durchstiche ab und lief erstaunlicherweise rund.

Nach Sahagun hatte ich Glück im Unglück. Der 2. Plattfuß vorne, direkt neben einer Tankstelle mit Druckluft, letzten Schlauch montiert. Wo bekomme ich jetzt einen Schlauchersatz?

Der Tankwart sagt: ca. 35 Kilometer weiterfahren! Ein herrliches Gefühl, ohne Reserveschlauch und in glühender Hitze durch die spanische Sierra zu fahren.

Den Blick dabei ständig auf die Strasse gerichtet, um Scherben rechtzeitig zu erkennen. Das Ganze mit dem Wissen, dass bei Plattfuß das Rad auf den lumpigen Pneus nicht geschoben werden kann.

Den Velomechaniker fragte ich nach unplattbaren Pneus oder der pannensichersten Bereifung. Er bot mir an, was er gerade hatte.

Einen Michelin Reifen, einen durchstichgeschützten Schlauch und mein vorhandenes Kunststoff-Schlauchschutzband einzubauen – das halte garantiert bis Santiago de Compostela, beschwor er mich.

Also wurde der neue Reifen montiert und den 70%-igen Racing Ralph schenkte ich ihm. Seine Kombination hielt dann auch tatsächlich ohne Panne, jedoch wiederum mit leichtem, aber kontinuierlichem Druckverlust.

Schaltwerk:

Wenn man seit 4 Jahrzehnten Renner mit präzisen Schaltwerken wie Campagnolo Record oder Shimano Ultegra fährt, dann ist das modifizierte XT-Schaltwerk auf dem KTM ein Graus.

Mich erstaunt, dass die Kette durchhielt, diese wurde dutzende Male beim schalten zwischen dem Kettenkranz und dem Ausfallende verwurstelt- meist im dümmsten Moment, wenn an der Steigung ein 5-Achser an mir vorbei donnerte.

So ein leerer Tritt in’s linke Clickpedal am Berg – das ist absolut lebensgefährlich! Heute weiss ich, dass der eiernde uralte 9-er SHIMANO Schraubkranz auf BionX ein generelles Problem darstellt, weil die Mitnehmer und die Abstandhalter ungenügend sind.

Das Schaltwerk liess ich übrigens mehrmals einstellen, leider ohne wirklichen Erfolg. Ob 44-er oder 48-er Kranz, das Schaltwerk blieb bis 3500 Kilometer unzuverlässig und war auch letztendlich der Grund für die verärgerte Rückgabe mit grossem Verlust. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Immerhin fuhr ich insgesammt ca. 3350 Kilometer bis zum „Rückbau“ auf den 44-er Kranz. Ursprünglich habe ich das KTM mit dem BionX Antrieb genau wegen dieser Flexibilität gewählt.

Ich wollte keine „7-Gang Altherrenschaltung“ und auch keine Hightech Rohloff Nabenschaltung, sondern ein sportliches, präzises Ketten Schaltwerk für Schnelligkeit, Leichtgängigkeit und Pannensicherheit haben.

Bremsanlage

Die hydraulischen Scheibenbremsen sind für das Gewicht eines normalen Mountainbikes und nicht für meinen Packesel ausgelegt. Da jedoch die Motorbremse unglaublich effizient ist, sind die Scheibenbremsen nebensächlich, solange die Motorbremse anspricht.

Auch Passabfahrten mit 125 kg Gewicht sind ein reines Vergnügen, ich hatte die Hände kaum jemals an den Bremshebeln.

Zentrierung Vorderrad:

Nach jedem Schlauchwechsel am Vorderrad hatte ich Mühe, das Rad so zu zentrieren, dass die Scheibenbremse nicht schleifte. Die übliche Zentrierarbeit Rad einsetzen, Bremse ziehen, zentrieren, Spannhebel anziehen funktionierte gar nicht und Mechanikerbesuche brachten auch nix.

Mein Händler informierte mich nach meiner Rückkehr, dass nach jedem Radausbau die Bremszange mit dem Inbusschlüssel gelockert, die Bremse gezogen und anschließend die Inbusschrauben wieder angezogen werden müssen! Nach einem Schubs dreht das Rad eine halbe Umdrehung und steht still!

Erkenntnis:

Bei der Bremsenwahl wollte ich die von mir gewünschten hydraulischen V-Brakes durchsetzen. Ich musste jedoch einsehen, dass die KTM Gabeln dafür nicht ausgerüstet sind.

Meine hydraulischen Scheibenbremsen waren echte Krüppel, sie haben über hunderte Kilometer geschliffen, ausserdem wurde das Hydrauliksystem an den Bremshebeln undicht. Mechanische V-Brakes sind wohl nicht so effizient, dafür aber viel problemloser.

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Die hier beschriebenen Probleme decken sich sehr gut mit den von uns festgestellten Schwächen des KTM eRace. Bei dem doch erstaunlich günstigen Preis des Pedelecs bleibt durch das Verbauen des hochwertigen BionX Motors wenig Raum für die restlichen Komponenten.

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2 Kommentare zu Mit dem Pedelec auf dem Jakobsweg (2) – Erfahrungen mit dem KTM Pedelec

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